Schnell und einfach abnehmen ohne Sport: Australier einen Schritt weiter?

Schnell und einfach abzunehmen ohne Sport war bisher vor allem auf Kalorienreduktion angewiesen. Forscher fanden nun rund 1000 molekulare Reaktionen, die beim Sport auftreten – ein Türöffner für medikamentöse Behandlungen mit dem Ziel, die gesundheitlichen Vorteile von körperlicher Betätigung auch ohne Sport herbeizuführen. Medikamente, die Sport ersetzen, können schon bald Realität werden – dank eines Durchbruchs der Forschung an der Universität von Sidney.

Pille statt Training bald Realität? Wissenschaftler arbeiten an Medikamenten, mit denen man einfach und schnell abnehmen und gesünder werden kann.

Pille statt Training bald Realität? Wissenschaftler arbeiten an Medikamenten, mit denen man einfach und schnell abnehmen und gesünder werden kann.

Wie in der renommierten Fachzeitschrift Cell Metabolism berichtet wird, vollziehen die wissenschaftlichen Beobachtungen rund tausend Veränderungen auf Zellebene in unseren Muskeln nach, Veränderungen, die aber nur eintreten, wenn wir trainieren, uns also einer regelmäßigen gezielten Belastung aussetzen. Die Forschungergebnisse in Sidney werden unter Zellbiologen als weltweit erster umfassender Plan der Vorgänge in den menschlichen Zellen unter Belastung gefeiert.

„Sport ist die mächtigste Therapieform für den Menschen, einschließlich Typ 2 Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten und neurologische Erkrankungen“, sagt Professor David James, Kopf der Forschungsgruppe am Charles Perkins Centre.

Man könnte auch ergänzen: Einschließlich des Wunsches abzunehmen.

„Trotzdem ist Sport für viele Menschen keine Behandlungsoption. Das bedeutet, es ist wichtig, dass wir Medikamente entwickeln, die in der Lage sind, die Vorteile gezielter sportlicher Betätigung zu imitieren.“

Schnell und einfach abnehmen – wie sind die Forscher vorgegangen?

Für den ersten „Blueprint“ für Gesundheitsvorsorge und Abnehmen ohne Sport auf molekularer Ebenen arbeiteten die Australier mit der Universität in Kopenhagen zusammen. Sie analysierten dabei Muskelproben von vier untrainierten Männern vor und nach einem 10-minütigen, hochintensiven Training (ähnlich dem zum Hypnoplayer Programm empfohlenen). Dabei wurde ein Masse-Spektrometer benutzt, um Zellprozesse zu untersuchen. Es wurde entdeckt, dass kurze, intensive Trainingseinheiten weit über 1000 Zellveränderungen verursachen.

Der Autor: „Herkömmliche Medikamente zielen auf einzelne Molekülgruppen ab. Mit unserer Trainingsauswertung haben wir gezeigt, dass jedes Mittel, das so einen Trainingseffekt nachahmen soll, eine ganze Reihe von unterschiedlichen Molekülen und -Kettenreaktion beinflussen muss.“

Die meisten dabei beobachteten Veränderungen wurde bislang nicht mit dem Sport in Verbindung gebracht, und bisherige Forschungen konzentrierte sich auf eine vergleichsweise geringe Anzahl von Veränderungen.

„Sport produziert extrem komplexe, kaskadierende Schwünge von Reaktionen im menschlichen Muskel. Training spielt damit eine essentielle Rolle, wenn es darum geht, Stoffwechsel und Insulinsensivität zu kontrollieren“, erläutert Nolan Hoffman, Ko-Autor der Studie.

Das belege, was Forscher bislang nur vermuteten. Die Biochemiker betonen, dass sie nun eine Kartographie der Ereignisse im Körper vorweisen könnten und meinen, dies sei ein Durchbruch der Wissenschaft, da man nun Mittel entwickeln könne, die die eigentlichen, gesundheitsfördernden Veränderungen, die durch Sport erreicht werden, mehr oder weniger exakt nachahmen könnten.

Von konkreten Auswirkungen und vor allem Nebenwirkungen ist allerdings in diesem Stadium der Grundlagenforschung noch nicht die Rede. Die australischen und dänischen Biotechnologen sind aber ganz offenbar stolz, nun ein Art „Roadmap“ hin zu den perfekten Drogen für schnelles und einfaches Abnehmen vorgelegt zu haben.

Schnell Abnehmen ohne Sport – Hauptartikel 

Quelle: Universität von Sidney

Referenz: Nolan J. Hoffmann et. al. Global Phosphoproteomic Analysis of Human Skeletal Muscle Reveals a Network of Exercise-Regulated Kinases and AMPK Substrates. Cell Metabolism, 2015 DOI: 10.1016/j.cmet.2015.09.001

In eine ähnliche Richtung geht die Forschung, über die im Journal „Trends in Pharmacological Sciences“ berichtet wird:

Hier … „haben Wissenschaftler nun eine Studie darüber veröffentlicht, wie wahrscheinlich die Entwicklung solcher Medikamente in absehbarer Zeit ist. „Wir sehen, dass solche Pillen notwendig sind“, so Ismail Laher von der University of British Columbia in Vancouver. „Und wir halten es für ein erreichbares Ziel, da wir mittlerweile sehr viel über die molekularen Ansatzpunkte von körperlicher Bewegung wissen.“

Doch bisherige Hoffnungsträger der Forschung, schnell und einfach etwa mit einer Spritze des Wirkstoffes Irisin abzunehmen, haben sich inzwischen – nach einiger Aufregung in den Laboren und vielen gespritzen weißen Mäusen – gelegt:

Falscher Alarm im Labor (Die Welt)

Drei Jahre später aber zerplatzten die Hoffnungen: Ein internationales Team von Wissenschaftlern, zu dem auch Elke Albrecht vom Leibniz Institut für Nutztierforschung in Dummerstorf gehört, publizierte im Fachjournal „Nature – Scientific Reports“ eine Studie, die die Wirkung von Irisin auf die Körperzellen mit feineren Methoden untersucht hatte. Die bisherigen Studien hatten aufgrund eines methodischen Fehlers falsch-positive Ergebnisse erbracht. Tatsächlich aber habe das Irisin bei Menschen und verschiedenen Tieren keine physiologische Bedeutung.

Trotz aller angeblichen Durchbrüche, Blueprints und Roadmaps, die von den Presseabteilungen der forschenden Universitäten (die sich für die Verwendung der meist privaten Forschungsgelder rechtfertigen müssen) postuliert werden, ist man also noch relativ weit davon entfernt, die Wunderpille zu erfinden, mit denen Mann oder Frau schnell und einfach abnehmen werden.

pbger

Andreas Hahm-Gerling ist Journalist (Gruner + Jahr, RTL) und führt einen Audioverlag. Gemeinsam mit seiner Frau Friederike produziert er Selbsthilfe-CDs. Vier Kinder erfordern täglich kreative Lösungen für unlösbare Probleme. In seinem Abnehmblog mischt er männliche Perspektive mit weiblichen Einsichten.